„Siehst Du sie?“

„Ja! Psst sei leise, sonst hören sie uns noch…“

„Unser Versteck ist gut, oder?“

„Ja, ist es. Sie werden uns nicht entdecken!“

 

Die Nacht ist kühl und dichte Nebelschwaden irren um die Häuser. Ein schmaler Spalt zum Tor ward aufgestoßen. Der Weg ist frei für all die Wesen, die die Gunst der Stunde nutzen. Kalte Luft zieht durch die Gassen und schluckt die Luft zum Atmen. All die Kreaturen fühlen sich so verlassen, wollen nur unter Lebenden sein. Neidvoll blicken Fratzen über die Menschenmenge und verloren huschen sie umher. Ihre Sehnsucht lässt sie lechzen nach dem Lebenselixier und alsbald geben sie sich zu erkennen. Gierig greifen ihre kalten Hände nach der Menschen lebendig Seelen, um sie durch den Spalt zu zerren auf die andere dunkle Seit.

Knochig Leiber in zerfetzten Gewändern treiben gnadenlos ihr Unwesen. Schier endlos scheint die Nacht zu sein, die letzten Schreie, sie verstummen. Nur Zwei sitzen wie versteinert, noch immer in dem Bretterverschlag, ihre Blicke vor Angst erstarrt. Haben sich so still verhalten, doch auch für sie gibt es kein Entrinnen. Hinter ihnen eine Gestalt, gar unschuldig blickt sie drein, schaut lächelnd auf sie herab und zeigt zugleich ihr wahr Gesicht:

 

„Ihr werdet mich begleiten in mein einsam feuchtes Grab.“

 

Unbarmherzig reißen ihre dünnen Finger ihre Seelen aus den Leibern. Ihr auf ewig kläglich, leises Wimmern, verschwinden mit ihr durch den eisigen Spalt...


Die verwunschene Höhle

 

Jedes Jahr um die gleiche Zeit, im Herbst, wenn die Blätter sich verfärben und der Wind auffrischt, wenn sich abends geheimnisvoller Nebel über die Felder und Wiesen ausbreitet, wenn das Vieh von den Weiden in die Ställe zurückgetrieben wird, freuen sich die Kinder des bescheidenen Städtchens Hollowa auf ein ganz besonderes Ereignis.

 

Wie jedes Jahr findet eine Nachtwanderung mit Lagerfeuer und Marshmallow grillen statt. Es werden Geschichten und Märchen erzählt. Aber am allermeisten freuen sich alle auf die Gruselgeschichte, eine uralte Geschichte über eine verwunschene Höhle. Die Kinder machen sich gemeinsam mit Blair auf, um durch den Wald zu wandern, hinauf auf einen Hügel, nicht unweit vom Berge Heylow. Das fahle Mondlicht begleitet ihren Weg durch die Dunkelheit.

 

Endlich, sie haben es geschafft. Schnell wird Brennholz gesammelt und dicke Steine zu einem Kreis gelegt. Kurz darauf lodern auch schon kleine Flammen, die alsbald eine wohlige Wärme verteilen. Die vielen Marshmallows stecken auf langen Hölzern und bruzeln vor sich hin. Viele Märchen werden erzählt, doch alle sind gespannt auf die eine Geschichte.

 

„Vor langer Zeit, verschwanden genau an dieser Stelle alle Kinder, sie kehrten niemals wieder in die Stadt zurück. Sie saßen genau wie Ihr um das Feuer und aßen ihre Marshmallows. Keiner weiß, was mit Ihnen geschehen ist, niemand weiß, wohin sie gingen. Man erzählt sich, dass im Berge Heylow eine verwunschene Höhle liegt und in dieser Höhle gehen böse Geister um. Sie mögen es nicht, wenn man sie stört, selbst jetzt beobachten sie uns argwöhnisch und wünschen uns hinfort.“ Blair kann so gut Geschichten erzählen. Sie ist eine alte und sehr erfahrene Frau, sie kennt sich in den Wäldern und Bergen bestens aus.

Leises Raunen geht durch die Runde und in den Kindergesichtern erkennt man so langsam Furcht, ihre Münder stehen weit offen und sie trauen sich nicht mehr zu atmen. Wind kommt auf und in der Ferne hört man die Wölfe heulen. Ringsum

raschelt und knackt es im Unterholz, erschrocken drehen sich die Kinder um, aber niemand ist zu sehen.

 

„Keine Angst, es ist doch nur eine uralte Geschichte!“ Die alte Frau runzelt die Stirn und lächelt. Doch ihr Lächeln sieht komisch aus und ihre langen grauen Haare wehen ihr ins Gesicht. Der Berg wirkt im Licht des Mondes unheimlich, ja sogar bedrohlich. Die Kinder möchten nach Hause, doch Blair kann sie beruhigen und wieder lächelt sie, ihre Augen werden schmal und das Lächeln weicht aus ihrem Gesicht.

 

Der Boden fängt an zu beben und aus dem Berg entweichen die Geister. Sie machen sich über die wehrlosen Kinder her, es geht alles so schnell, dass nicht ein Ton von ihnen zu hören ist. So schnell wie sie kamen, so schnell sind sie wieder verschwunden. Nur ein Mädchen bleibt zurück, verstört schaut sie zu Blair, doch sie bleibt stumm. Sie kann sich nicht bewegen, wie versteinert steht sie da. Sie will weglaufen, doch es geht nicht, so sehr sie sich auch bemüht, ihr kleiner Körper ist wie versteinert…

 

„Lass gut sein mein Kind, Du kommst hier nicht weg, denn Du bist für mich bestimmt“, Blair erhebt sich und geht ganz genüsslich auf das kleine Mädchen zu. Kein Jammern, kein Schrei, nichts, das Mädchen bleibt stumm und starrt in die Augen ihrer ach so geliebten Blair. Wilde Gedanken jagen durch ihren kleinen Kopf und sie kann es nicht begreifen. Blairs Körper wird durchsichtig und sie fährt in das kleine Mädchen.

 

„Aaah, ist das herrlich! 90 Jahre musste ich auf diesen Moment warten, 90 Jahre ausharren, bis ich endlich einen neuen Körper bekomme. Kommt, meine Schwestern, kommt meine Brüder, lasst uns unsere neuen Hüllen feiern und um das Feuer tanzen.“

Diese Nacht scheint nicht enden zu wollen und aus den einst kleinen Kindern werden Erwachsene.

 

Der nächste Morgen erwacht und der Frühnebel zieht sich zurück. Still und unschuldig thront der Berg über dem kleinen Städtchen Hollowa, als wenn in der vergangenen Nacht nichts geschehen wäre. Nur Blair sitzt auf ihrem Schaukelstuhl auf der Veranda, genießt die ersten Sonnenstrahlen. Sie ist jung und sehr hübsch, ihre langen blonden Haare wehen ihr ins Gesicht. Ihr Blick schweift umher, sie beobachtet die Stadtbewohner, die keine Ahnung davon haben, was sich alle 90 Jahre am Fuße des Berges zuträgt. Es scheint, als ob diese Kinder nie existiert hätten.