Verhexte Münzautomaten

 

Eines Tages schlägt ein kleiner Wanderzirkus in unserem beschaulichen Städtchen Bladem sein Lager auf. Mit argwöhnischem Blick betrachten wir die Ankömmlinge. Auf den ersten Blick scheint es, als wenn es ein ganz gewöhnlicher Zirkus wäre.

 

Tage später gehe ich mit meinen Freunden über das Gelände und wir sind fasziniert von den außergewöhnlichen Münzautomaten mit ihren skurrilen Figuren und Szenarien. Diese Glaskästen sind verziert und stehen auf alten gedrechselten Holzblöcken. Sie sind schon uralt und doch sehen sie aus, als wenn sie vor kurzem erst das Fabrik-Band verlassen hätten.

 

Während in dem einen Automaten, ein Mann um sein Leben rennt, weil er von einem tollwütigen Hund verfolgt wird, sitzt in einem anderen Glaskasten eine Frau in einer Gummizelle und schreit sich die Lunge heraus. Es sind so viele verschiedene gruslige Geschichten. Da gibt es einen Folterkeller, in dem eine Handvoll Gefangene gequält werden. Sie schreien, doch niemand vernimmt ihre Stimmen, es ist, als ob sie nur die Münder bewegen und ihre weit aufgerissenen Augen schauen uns an. Diese Blicke gehen durch Mark und Knochen. In einem weiteren Automaten steht ein Pärchen in einem Glasgefäß und ihre Füße sind am Boden fest gekettet. Langsam läuft Wasser herein und jedes Mal wenn sie verzweifelt nach Luft schnappen, wird das Wasser wieder abgepumpt. Das Spielchen geht jedes Mal von vorne los. Immer und immer wieder. Ein kleines Mädchen bindet sich eine Schleife ins Haar und schaut sich im Spiegel an. Sie fängt an zu weinen, löst die Schleife und bindet sie neu. Jedes Mal aufs Neue… Oder, diese alte Frau, deren kalten steifen Hände nach der Jugend gieren, sie verfolgt ein junges Mädchen, das um sein Leben rennt. Ihr klägliches Rufen? Verstummt. Nur ihre Seele verrät ihre Pein. Alles wirkt alles so lebendig.

 

Wir bleiben an jedem dieser Automaten stehen und drücken unsere Nasen an den Scheiben platt. Wir können gar nicht genug davon kriegen, obwohl es gruselig ist. Es zermürbt, es erdrückt und doch können wir nicht widerstehen und werfen immer wieder Münzen nach. Es kostet nicht viel und der Tag hat erst angefangen. Ein Automat hat es mir angetan, es passiert rein gar nichts, außer, dass da eine ältere Frau sitzt und ins Leere starrt. Hinter ihr ist es dunkel und doch habe ich das Gefühl, dass da jemand steht. Ich stiere auf diesen blöden Kasten und es fällt mir schwer meine Blicke davon zu lösen.

 

„Hey, komm, wir wollen weiter!“ Hör ich meine Freunde rufen. Nur widerwillig geh ich weiter und drehe mich noch einmal um. Und dann sehe ich diese dunkle Gestalt, ich sehe ihn, er gafft mir nach und es läuft mir kalt über den Rücken.

 

„Was ist denn mit Dir los? Du bist ja kreidebleich!“ Meine Freundin stupst mich an und ich lächle.

 

„Nein, alles in Ordnung…“, warum lüge ich, nichts ist in Ordnung. Und doch behaupte ich das Gegenteil.

 

Die Sonne meint es heute besonders gut mit uns und die Temperaturen steigen stetig an, eigentlich ist der Sommer schon längst vorbei. Wir haben Halloween, warum also ist es so verdammt warm heute? Na ja, weder ich noch meine Freunde können das Wetter ändern. Wir beschließen unsere Jacken und Schals abzulegen und legen sie auf einen Haufen, hier kommt nichts weg, unsere Sachen werden morgen früh noch genau so da liegen.

 

 

 

Die Nachmittagsvorstellung im Zelt lassen wir uns nicht entgehen und diese werden wir nicht mehr vergessen. Die Zirkusleute sind genauso skurril und unheimlich wie die Figuren in den Automaten. Sie jagen uns Gänsehaut über den Rücken und ihre Blicke verfolgen uns. Irgendwie erinnern sie mich an die Figuren aus diesen Münzautomaten.

 

Es ist schon dunkel als wir aus dem Zelt kommen und erst jetzt bemerken wir auch, dass wir noch die einzigen sind, auf diesem mittlerweile eingezäunten Gelände. Schnell laufen wir zu der Stelle, an der wir unsere Jacken und Schals auf einen Haufen gelegt hatten, doch unsere Sachen sind weg.

 

„Bleibt doch noch eine Weile, ich schenke Euch Münzen für unsere Automaten. Ich weiß, dass Ihr noch hier bleiben wollt. Bitte bleibt doch noch, lasst mich nicht alleine.“ Ein Clown steht vor uns und lächelt uns an. Er streckt seine Hand aus und lässt fünf Beutel voll Münzen vor uns hin und her pendeln. Sie sind aus schwarzem Samt und auf jedem Beutel steht in glänzendem Schriftzug unser Namen darauf. Und ja, wir können nicht widerstehen und jeder freut sich über seinen eigenen Beutel. Dieses Geschenk wird uns zum Verhängnis und besiegelt unser Schicksal. In dieser Nacht werden wir nicht mehr nach Hause gehen…

Unaufhörlich werfen wir Münzen ein, immer und immer wieder. Unsere Beutel werden nicht leer.

 

„Kommt hier hin, hier sind noch andere Automaten, die ihr noch gar nicht gesehen habt. Kommt!“ Es ist die freundliche Stimme des Clowns, der uns zuvor schon die Beutel geschenkt hatte.

 

Aufgeregt rennen wir zu ihm hin und sind gespannt auf die neuen Automaten, sie stehen abseits in einem runter gekommen Zirkuswagen. Wir gehen hinein, es ist stickig hier drin und schummriges Licht macht sich breit. Eher wir uns versehen, schließt sich die Tür hinter uns und wird verriegelt. Erschrocken drehen wir uns um und mit aufgerissenen Augen schauen wir uns an. Musik aus einem Leierkasten und Gekicher dringt in den Zirkuswagen. Erst jetzt bemerken wir, dass diese Automaten keine Figuren enthalten und wir diejenigen sind, die diese mit Leben füllen sollen.

 

Ich soll die Erste sein, die hineingezogen wird und ich muss mit ansehen, wie meine Freunde das gleiche Schicksal ereilt. Es gibt kein entkommen, denn die Tür ist verschlossen.

Was uns erwartet wissen wir nicht! Doch endlose Qualen sind uns sicher!

 

Es dauert nicht lange und eine fette Schlagzeile ziert die Tageszeitung des Städtchens Bladem. Suchtrupps haben nach tagelanger und verzweifelter Suche aufgegeben. Das einzige was von uns zurück bleibt, sind unsere Jacken und Schals.

 

Der kleine Wanderzirkus hat schon längst sein Lager abgebaut und ist weiter gezogen…

 

 

 


„Siehst Du sie?“

„Ja! Psst sei leise, sonst hören sie uns noch…“

„Unser Versteck ist gut, oder?“

„Ja, ist es. Sie werden uns nicht entdecken!“

 

Die Nacht ist kühl und dichte Nebelschwaden irren um die Häuser. Ein schmaler Spalt zum Tor ward aufgestoßen. Der Weg ist frei für all die Wesen, die die Gunst der Stunde nutzen. Kalte Luft zieht durch die Gassen und schluckt die Luft zum Atmen. All die Kreaturen fühlen sich so verlassen, wollen nur unter Lebenden sein. Neidvoll blicken Fratzen über die Menschenmenge und verloren huschen sie umher. Ihre Sehnsucht lässt sie lechzen nach dem Lebenselixier und alsbald geben sie sich zu erkennen. Gierig greifen ihre kalten Hände nach der Menschen lebendig Seelen, um sie durch den Spalt zu zerren auf die andere dunkle Seit.

Knochig Leiber in zerfetzten Gewändern treiben gnadenlos ihr Unwesen. Schier endlos scheint die Nacht zu sein, die letzten Schreie, sie verstummen. Nur Zwei sitzen wie versteinert, noch immer in dem Bretterverschlag, ihre Blicke vor Angst erstarrt. Haben sich so still verhalten, doch auch für sie gibt es kein Entrinnen. Hinter ihnen eine Gestalt, gar unschuldig blickt sie drein, schaut lächelnd auf sie herab und zeigt zugleich ihr wahr Gesicht:

 

„Ihr werdet mich begleiten in mein einsam feuchtes Grab.“

 

Unbarmherzig reißen ihre dünnen Finger ihre Seelen aus den Leibern. Ihr auf ewig kläglich, leises Wimmern, verschwinden mit ihr durch den eisigen Spalt...


Die verwunschene Höhle

 

Jedes Jahr um die gleiche Zeit, im Herbst, wenn die Blätter sich verfärben und der Wind auffrischt, wenn sich abends geheimnisvoller Nebel über die Felder und Wiesen ausbreitet, wenn das Vieh von den Weiden in die Ställe zurückgetrieben wird, freuen sich die Kinder des bescheidenen Städtchens Hollowa auf ein ganz besonderes Ereignis.

 

Wie jedes Jahr findet eine Nachtwanderung mit Lagerfeuer und Marshmallow grillen statt. Es werden Geschichten und Märchen erzählt. Aber am allermeisten freuen sich alle auf die Gruselgeschichte, eine uralte Geschichte über eine verwunschene Höhle. Die Kinder machen sich gemeinsam mit Blair auf, um durch den Wald zu wandern, hinauf auf einen Hügel, nicht unweit vom Berge Heylow. Das fahle Mondlicht begleitet ihren Weg durch die Dunkelheit.

 

Endlich, sie haben es geschafft. Schnell wird Brennholz gesammelt und dicke Steine zu einem Kreis gelegt. Kurz darauf lodern auch schon kleine Flammen, die alsbald eine wohlige Wärme verteilen. Die vielen Marshmallows stecken auf langen Hölzern und bruzeln vor sich hin. Viele Märchen werden erzählt, doch alle sind gespannt auf die eine Geschichte.

 

„Vor langer Zeit, verschwanden genau an dieser Stelle alle Kinder, sie kehrten niemals wieder in die Stadt zurück. Sie saßen genau wie Ihr um das Feuer und aßen ihre Marshmallows. Keiner weiß, was mit Ihnen geschehen ist, niemand weiß, wohin sie gingen. Man erzählt sich, dass im Berge Heylow eine verwunschene Höhle liegt und in dieser Höhle gehen böse Geister um. Sie mögen es nicht, wenn man sie stört, selbst jetzt beobachten sie uns argwöhnisch und wünschen uns hinfort.“ Blair kann so gut Geschichten erzählen. Sie ist eine alte und sehr erfahrene Frau, sie kennt sich in den Wäldern und Bergen bestens aus.

Leises Raunen geht durch die Runde und in den Kindergesichtern erkennt man so langsam Furcht, ihre Münder stehen weit offen und sie trauen sich nicht mehr zu atmen. Wind kommt auf und in der Ferne hört man die Wölfe heulen. Ringsum

raschelt und knackt es im Unterholz, erschrocken drehen sich die Kinder um, aber niemand ist zu sehen.

 

„Keine Angst, es ist doch nur eine uralte Geschichte!“ Die alte Frau runzelt die Stirn und lächelt. Doch ihr Lächeln sieht komisch aus und ihre langen grauen Haare wehen ihr ins Gesicht. Der Berg wirkt im Licht des Mondes unheimlich, ja sogar bedrohlich. Die Kinder möchten nach Hause, doch Blair kann sie beruhigen und wieder lächelt sie, ihre Augen werden schmal und das Lächeln weicht aus ihrem Gesicht.

 

Der Boden fängt an zu beben und aus dem Berg entweichen die Geister. Sie machen sich über die wehrlosen Kinder her, es geht alles so schnell, dass nicht ein Ton von ihnen zu hören ist. So schnell wie sie kamen, so schnell sind sie wieder verschwunden. Nur ein Mädchen bleibt zurück, verstört schaut sie zu Blair, doch sie bleibt stumm. Sie kann sich nicht bewegen, wie versteinert steht sie da. Sie will weglaufen, doch es geht nicht, so sehr sie sich auch bemüht, ihr kleiner Körper ist wie versteinert…

 

„Lass gut sein mein Kind, Du kommst hier nicht weg, denn Du bist für mich bestimmt“, Blair erhebt sich und geht ganz genüsslich auf das kleine Mädchen zu. Kein Jammern, kein Schrei, nichts, das Mädchen bleibt stumm und starrt in die Augen ihrer ach so geliebten Blair. Wilde Gedanken jagen durch ihren kleinen Kopf und sie kann es nicht begreifen. Blairs Körper wird durchsichtig und sie fährt in das kleine Mädchen.

 

„Aaah, ist das herrlich! 90 Jahre musste ich auf diesen Moment warten, 90 Jahre ausharren, bis ich endlich einen neuen Körper bekomme. Kommt, meine Schwestern, kommt meine Brüder, lasst uns unsere neuen Hüllen feiern und um das Feuer tanzen.“

Diese Nacht scheint nicht enden zu wollen und aus den einst kleinen Kindern werden Erwachsene.

 

Der nächste Morgen erwacht und der Frühnebel zieht sich zurück. Still und unschuldig thront der Berg über dem kleinen Städtchen Hollowa, als wenn in der vergangenen Nacht nichts geschehen wäre. Nur Blair sitzt auf ihrem Schaukelstuhl auf der Veranda, genießt die ersten Sonnenstrahlen. Sie ist jung und sehr hübsch, ihre langen blonden Haare wehen ihr ins Gesicht. Ihr Blick schweift umher, sie beobachtet die Stadtbewohner, die keine Ahnung davon haben, was sich alle 90 Jahre am Fuße des Berges zuträgt. Es scheint, als ob diese Kinder nie existiert hätten.